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Mit Schmerz wächst man. Warum Unternehmertum Narben braucht

  • Autorenbild: Josef Brunner
    Josef Brunner
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Es gibt Geschichten, die man lieber nicht erzählt. Geschichten über Angst, Einsamkeit, Zweifel. Geschichten über Momente, in denen man nachts wach im Bett liegt und sich fragt, ob all das, was man tut, eigentlich noch Sinn ergibt. Ob man stark genug ist. Ob das alles gut ausgeht. Fragen über Erfolg oder Scheitern. Binäre Fragen.

Wir sprechen zu wenig über diese Momente. Wir sprechen lieber über unsere Pressemitteilungen. Über neue Kunden, neue Finanzierungsrunden, Awards und Erfolgsmeldungen. Aber das ist nur die Oberfläche. Darunter liegt etwas ganz anderes. Etwas, das bestimmt, ob man als Unternehmer wirklich erfolgreich wird oder nicht.

Darum geht es mir in diesem Artikel. Um Ehrlichkeit. Um die Dinge, über die wir sonst nicht sprechen. Und um die Narben, die uns als Unternehmer formen und was diese mit Emotionen und Schmerz zu tun haben.


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Es sind die harten Momente, die uns definieren. Nicht die Pressemitteilungen oder Linkedin Posts


Ich habe Unternehmen aufgebaut, verkauft, neu gegründet. Ich habe unzählige vermeintlich „erfolgreiche“ Stationen hinter mir. Und trotzdem erinnere ich mich viel stärker an die anderen Momente. Die, in denen der Boden unter den Füßen brüchig wird.

Diese Momente entscheiden über alles.Nicht die LinkedIn Posts.

Es sind die Situationen, in denen man wieder aufstehen muss. In denen man keine Option mehr hat, außer weiterzumachen. Es gibt Tage, da fühlt es sich an wie ein ständiger Kampf gegen die eigenen Gedanken. Aber genau dort entsteht Resilienz. Genau dort entsteht Unternehmertum.

Wir müssen ehrlicher sein. Wir müssen darüber sprechen. Denn jeder Gründer kennt diese Augenblicke. Aber kaum einer traut sich, sie auszusprechen.


Die Einsamkeit, über die kaum jemand redet


Unternehmertum ist einsam. Brutal einsam.


Du musst Entscheidungen treffen, von denen du nicht weißt, ob sie richtig sind. Du stehst vor deinem Team und willst Sicherheit vermitteln. Stärke. Klarheit.

Selbst wenn du selbst gerade keine hast.


Dieser Spagat ist einer der härtesten Teile des Gründerlebens.


Der Druck kann überwältigend werden. Ein Druck, den man schwer erklären kann, wenn jemand diese Erfahrung nie gemacht hat. Es ist ein Gefühl, das sich tief in einem festsetzt. Es begleitet einen überall hin. Und es ist oft unsichtbar.


Wir sollten darüber reden. Weil es die Realität ist. Und weil diese Einsamkeit kein Zeichen von Schwäche ist.


Sie ist Teil des Weges.


Deutschland und die Lust am Scheitern


Es gibt ein deutsches Wort, das es im Englischen nicht gibt: Schadenfreude.


Es beschreibt ein Phänomen, das viele Gründer in diesem Land kennen. Scheitert man, zeigt man mit dem Finger auf einen. Schafft man es, wird man neidisch beäugt.


Wir sitzen als Gesellschaft an den Rändern und warten darauf, dass jemand fällt. Und wenn er fällt, klatschen wir. Vielleicht nicht laut, aber innerlich.


Das macht etwas mit einem Gründer. Es macht Entscheidungen schwerer. Es verstärkt die Einsamkeit. Es erzeugt Angst.


Ich wünsche mir, dass wir damit endlich aufhören. Unternehmer sind keine Übermenschen. Sie sind Menschen, die Risiken eingehen. Die mutig sind. Die Dinge bewegen wollen. Und dafür zahlen sie einen hohen emotionalen Preis. Es ist an der Zeit, das zu respektieren.


Hier kann es helfen, sich mit anderen Unternehmern zu vernetzen und auszutauschen. Wir unterschätzen oftmals, wie wichtig es ist, mit jemanden zu reden, der die eigenen Herausforderungen, Dämonen und Probleme kennt und versteht.


Risiko


Wer kein Risiko eingeht, wer alles so macht, wie alle anderen auch, wird dieselben Ergebnisse wie die anderen erreichen.


Um wirklich erfolgreich zu sein, müsst ihr an die Grenzen und ins Risiko gehen. Das bedingt, dass nicht alles funktionieren wird. Es gehört dazu. Set-backs sind Teil der Reise.


Sie sind die Opportunitätskosten des Risikos, die ihr eingehen müsst. Aber es gibt auch eine Risiko-Rendite: Unternehmerischen Erfolg. Konzentriert euch stets darauf und macht euch bewusst, dass ihr nur über Risiko gewinnen könnt. Das hilft, die emotionalen Ausschläge zu steuern.


Die Gefahr durch falschen Applaus


Diesen Satz habe ich gestohlen. Von Ulf Poschardt. Ich möchte ihn aber missbrauchen und für uns Unternehmer abwandeln. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr durch externe Impulse ablenken lassen.


Was in der Presse, auf Social Media oder in der eigenen Blase gut räsoniert und ankommt, muss nicht das richtige für das eigene Unternehmen sein. Wir dürfen uns hier vom falschen Applaus nicht ablenken lassen.


Wir müssen uns stehts vor Augen führen, dass wir durch konträre Entscheidungen außerordentliche Ergebnisse erzeugen können. Das steht oftmals im Konflikt mit dem öffentlichen unternehmerischen Konsens.


Wir sollten uns also von unserem eigenen Plan, dem, was uns wichtig ist, leiten lassen und nicht vom öffentlichen, manchmal falschen Applaus.


Das mindert wiederum auch den Schmerz, wenn sich die Öffentlichkeit einmal nicht mehr so wertschätzend und positiv zeigt. Und reduziert die durch die öffentliche Meinung induzierte Gefühlsachterbahnfahrt.


Die Achterbahn der Gefühle


Es gibt Tage, die kann man kaum erklären:

Um 8 Uhr ein großer Erfolg.

Um 11 Uhr bricht die Welt zusammen.

Um 15 Uhr ein kleiner Triumph.


Und während all das passiert, muss man stabil bleiben. Man muss führen. Man muss Zuversicht vermitteln. Man darf die eigenen Gefühle nicht ins Team tragen.

Diese emotionale Achterbahn ist brutal. Sie zerrt an einem. Sie macht einen müde. Sie frisst Energie.


Und trotzdem muss man es schaffen, auf Augenhöhe, fair und klar zu führen. Das ist die vielleicht größte Herausforderung überhaupt.


Meine eigenen make it or break it Momente


Ich hatte viele dieser Momente. Momente, wo es augenscheinlich nicht weiterging. Sie begleiten mich auch heute noch. Sie sind zwar immer noch unangenehm, aber ich habe sie als Teil der Reise akzeptiert.


Sie gehören dazu. Ich weiß, dass sie mich stärken. Mir Richtung, Sinn und Resilienz schenken.


Die Momente, an denen ich überlegte, ob ich aufgebe und scheitern akzeptiere, habe mich als Unternehmer geformt. Aber als Mensch auch verändert. Ich glaube, nicht nur zum Guten. Nicht immer zum Besseren. Teile von mir sind auf der Strecke geblieben.


Das Unbekümmerte, das Verletzliche, das Fragile, vielleicht auch das Nahbare und manchmal auch das Emphatische.


“It comes at a price”  heißt es so lapidar.  Ob es diesen Preis wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Seit euch darüber bewusst, bevor ich euch in die wunderbare Welt des Unternehmertums stürzt.


Wie ich persönlich damit umgehe


Ich möchte ehrlich sein: Ich habe lange gebraucht, um meine eigenen Wege zu finden. Aber ich habe „Tools“ gefunden, die mir dabei helfen:


Bergtouren als mein mentaler Reset

Jeden Sonntag gehe ich in die Berge. Dort bekomme ich den Kopf frei. Dort denke ich nach. Dort träume ich. Tagträume sind kein Luxus. Sie sind mein Werkzeug. Ich visualisiere ein Ziel. Ich sehe es klar vor mir. Und dann arbeite ich die Woche über daran. Das gibt mir Energie. Kraft. Orientierung.


Kein Plan B

Wer einen Plan B hat, akzeptiert, dass Plan A nicht klappen kann.


Jedes Joule, das ihr in Gedanken zu einem anderen Plan investiert, ist ein Joule, das ihr nicht in Plan A investieren könnt. Die schiere Existenz von Plan B nimmt Fokus und Energie von Plan A und vermindert eure Chancen auf Erfolg.


Die schiere Brutalität der Optionslosigkeit hilft euch außerdem dabei, Energie zu finden, von denen ihr gar nicht wusstet, dass ihr sie habt.


Licht braucht Schatten

Wenn wir keine Rückschläge hätten, wären Erfolge wertlos. Die größten Lernerfahrungen liegen im Schmerz. Schmerz macht uns hart. Schmerz macht uns resilient.


In den dunkelsten Momenten steckt oft am meisten Kraft. Und jemand, der nicht aufgibt, ist schwer zu besiegen.


aufgibt, ist schwer zu besiegen.


Ein starkes Board und echte Narben

Ein guter Beirat ist mehr als Fachwissen. Er ist seelische Unterstützung .Ihr braucht keine Schönwetter Boards. Ihr braucht Menschen mit Narben. Erfahrung entsteht nicht durch Erfolg. Erfahrung entsteht durch Durchhalten.

Narben sind die kleinen Trophäen eines Unternehmers.


Organisatorische Gesundheit

Ein Team, das zusammenhält, ist überlebenswichtig. Man kann nur eine begrenzte Anzahl an Kämpfen führen. Wenn im Inneren kein Vertrauen herrscht, geht man unter.


Positivität als Entscheidung

Man muss ehrlich sein. Immer. Aber man kann jede Situation positiv oder negativ interpretieren. Ich entscheide mich für die positive Seite. Nicht blind. Nicht naiv. Sondern bewusst.


Mit Lösungen in ein Meeting gehen. Oder manchmal einfach mit einem Glas Wein.


Warum wir endlich ehrlicher werden müssen


Unternehmertum ist kein Instagram Feed. Es ist kein Hype. Es ist kein Statussymbol.


Es ist hart. Es tut weh. Es macht einsam. Es formt uns.

Und genau deshalb liebe ich es.


Wir müssen anfangen, darüber zu sprechen. Über Schmerz. Über Zweifel. Über die Realität hinter den Erfolgsmeldungen. Denn dort, im Schatten, entsteht das, was wirklich zählt.


Mit Schmerz wächst man. Und jede Narbe erzählt eine Geschichte, auf die man stolz sein darf.





 
 
 

1 Kommentar


Rita
Rita
vor 3 Stunden

Lieber Josef, vielen Dank für deinen Beitrag.

Ich stimme dir zu: Schmerz lässt uns wachsen und oft gilt, je größer der Schmerz, desto größer das Wachstum. Wie viel Schmerz man sich während seiner unternehmerischen Reise stellen muss, hängt sicherlich auch mit der Verantwortung zusammen, die man trägt, und mit dem finanziellen Gewicht der Entscheidungen. Je höher der Einsatz, desto herausfordernder wird der Weg. Aber es heißt ja nicht umsonst „Pressure makes Diamonds.“

Wahre Empathie ist ohnehin nur von denen möglich, die ähnliche Herausforderungen selbst gemeistert haben, das ist Fakt. Und ja, menschliche Enttäuschungen gehören zum Leben, nicht nur zum Unternehmertum. Neid und Missgunst sind letztlich auch eine Form von Anerkennung. Dafür überwiegt der eigene Stolz,  innere Stärke und Mut den…

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